Grußworte

Gerhard Weber
Gerhard Weber
Statt eines Vorwortes:

Im Gespräch mit Intendant Gerhard Weber // Von Peter Oppermann



stand.ort.suche.deutschland
09.10

Herr Weber, aus ebenso aktueller wie historischer Perspektive begeben wir uns im Rahmen der bevorstehenden Saison 2009/2010 auf eine vielfältige und mitunter auch kontroverse "stand.ort.suche.deutschland". Vor dem Hintergrund mehrerer im Herbst bevorstehender Jubiläen und Gedenktage konzentriert sich das Programm auf Produktionen, die sich mit "deutschen" Themen, Stoffen und Stücken auseinandersetzen. Wie ist die Idee zu diesem Konzeptspielplan entstanden?

Die Grundlage für meine Entscheidung, den erwähnten "Deutschland-Spielplan" zu realisieren, war zunächst ein langgehegter, ganz persönlicher Wunsch. Bereits seit einiger Zeit beschäftigte mich intensiv der Gedanke, den deutschen Bühnenklassiker schlechthin, Goethes FAUST , in beiden Teilen als Gesamtkunstwerk auf die Bühne zu bringen, weil ich ihn für eines der bewegendsten und sprachlich fulminantesten Dramen der Weltliteratur halte. Ich wartete eigentlich nur auf eine passende Gelegenheit, diese Idee in einem stimmigen Kontext schnellstmöglich in die Tat umzusetzen.



Die Gelegenheit hierzu ergab sich im Rahmen unserer dramaturgischen Recherchen für den neuen Spielplan. Welcher konkrete Hintergrund lieferte schließlich den entscheidenden Impuls?

Als ich mir die zusammengetragenen und historisch bedeutsamen Daten, wie etwa das 60-jährige Jubiläum der Bundestagskonstituierung in 2009, vergegenwärtigte, stieß ich dabei auch auf das nachhaltige Ereignis des Mauerfalls vor zwanzig Jahren. So kamen auf ideale Weise zwei Komponenten zusammen: die Vision eines zeitkritischen FAUST-Projektes in Verbindung mit der Erinnerung an die Geburtsstunde der deutschen Nachkriegsdemokratie und ihre nicht unerheblichen Nachwehen und Erfolge. Der Impuls für eine "deutsche" Konzeptspielzeit lag somit auf der Hand, zumal wir in den vergangenen Jahren in Trier vor dem Hintergrund des Luxemburgischen Kulturhauptstadtjahres eher europäische Akzente gesetzt hatten.



Viele Deutsche haben bis heute noch ein recht ambivalentes Verhältnis zum eigenen Land. 2007 bemerkte der Spiegel-Journalist Matthias Matussek in seinem Essay WIR DEUTSCHEN. WARUM UNS DIE ANDEREN GERN HABEN KÖNNEN, dass wir, wenn wir an Deutschland denken würden, düsteren Geschichtsunterricht assoziierten, zudem "Parolen wie ‚Volk ohne Raum‘", "verordneten kollektiven Amoklauf und geradezu biblische Verheerungen und Bestrafungen". – Wie charakterisieren Sie Ihr Verhältnis zu Deutschland?

Positiv – allerdings aus heutiger Erfahrung! Denn das war auch schon mal ganz anders, wie es sich für einen politisch engagierten "Revoluzzer" der 1968er Jahre gehörte. (lacht.)



Wie drückte sich Ihr "Revoluzzerdasein" denn konkret aus?

Ich machte Ende ´68 mein Abitur und wurde stark durch diese Epoche geprägt. Jegliche Form von emotionaler Identifizierung mit Deutschland lehnte ich radikal ab. Es war eine Zeit der kritischen Auseinandersetzung mit allem, was man mit dem Titel "deutsch" bezeichnete. "Deutsch" war von vorneherein verdächtig und roch nach Nationalsozialismus. Diese Haltung wird man uns heute keinesfalls verübeln können, denn wir nahmen sie 23 Jahre nach 1945 in einer Zeit ein, in der die Aufarbeitung der Greuel des Zweiten Weltkrieges nicht ansatzweise stattgefunden hatte, sondern im Mief des neuen deutschen Wohlstandes erstickte. Die Abwehr gegen kleinbürgerliche Ignoranz erfolgte da automatisch, wenngleich die Folgen dieser Revolte mit dem "Deutschen Herbst" ein Ausmaß erreichten, das mich in manchen Momenten wieder an allem zweifeln ließ.



Und wie hat sich Ihre Grundeinstellung zu Deutschland heute gewandelt?

Gegenwärtig sehe ich das alles freilich aus einer anderen Perspektive und bin dennoch beeindruckt, was diese Zeit für eine neue, nach wie vor gültige und fesselnde Kultur hervorgebracht hat. Gegenwärtig möchte ich Deutschland nicht auf ein einheitliches Bild reduzieren, denn Deutschland ist inmitten Europas ein Synonym für viele unterschiedliche Strömungen, ein Konglomerat von Widersprüchen und Gemeinsamkeiten. Ich glaube, diese Vielfalt macht uns aus, auch dass wir uns eben nicht festlegen lassen können – und das auch gar nicht wollen.



Während die Menschen in den USA und in ganz Europa den Präsidenten Barack Obama als neues politisches Leitbild euphorisch bejubeln, befindet sich Deutschland im Vergleich hierzu in eher nüchternem Zustand, wenn nicht gar im politischen und ideellen Stillstand. Warum ist ausgerechnet das Land, das immerhin den Wiederaufbau und die Wiedervereinigung mit Elan vorangetrieben hat, offensichtlich in einer durchaus symbolisch zu wertenden "Großen (Schein-)Koalition" erstarrt – anstatt sinvollerweise lieber große Visionen zu verwirklichen?

In den letzten hundert Jahren gab es bekanntlich einen rasanten Utopieverschleiß. Für Utopien und Ideologien ist halb Europa in Kriege gezogen, sie haben Millionen von Menschen den Tod gebracht, sie in Armut und Diktaturen gestürzt. Und nun ist im Zuge der Finanzkrise und der Globalisierung auch noch das bislang als sicher geltende kapitalistische System am Zusammenbrechen. Selbst wenn eine gewisse Skepsis gegenüber Utopien auch mein Leben immer bestimmte, so habe ich doch das Gefühl, dass diese generelle Skepsis in Deutschland heute dominiert und eine entsprechende Lethargie erzeugt. Umso mehr hat dann das Theater die Aufgabe, das "Prinzip Hoffnung" zu vermitteln!



Ich fand in diesem Zusammenhang die kürzliche Wortmeldung des Aktionskünstlers Christoph Schlingensief sehr einleuchtend, als er provokant fragte, ob die Deutschen keine Probleme außer der Pendlerpauschale hätten, und dass es jetzt "Gott sei Dank" die Finanzkrise gäbe, da würde vielen "die Fratze aus dem Gesicht fallen". Wir wären eine zum Erfolg verfluchte Gesellschaft, in der keiner mehr wüsste, wer er in Wirklichkeit ist oder wer er mal sein wollte. – Ist die Krise Ihrer Meinung nach dennoch eine Chance?

Absolut! Das Theater hat ja selbst in den schlimmsten Zeiten stets für den Aufbruch plädiert. Und wer will sich schließlich schon sein eigenes Theater "abwracken" lassen! Das Goethe-Zitat: "Des Lebens Fackel wollten wir entzünden, / Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!" aus FAUST II ist in diesem Zusammenhang sinnbildlich.



Der aktuelle Spielplan greift schwerpunktmäßig ganz unterschiedliche deutsche Themen auf und will sicht eben nicht festlegen auf ein bestimmtes Deutschlandbild. Ich finde, er ist eine "stand.ort.suche.deutschland" im wörtlichen Sinne und verfolgt die von Ihnen zuvor erläuterte Intention, diesem Land als Konglomerat zahlreicher Strömungen nachzugehen. – Welche inhaltlichen Verbindungen sehen Sie dennoch in den ausgewählten Stücken?

Ich sehe durchaus spannende inhaltliche Zusammenhänge. Goethes FAUST I etwa beginnt mit einer großen Vision – der Suche nach dem Absoluten und der Aneignung der Welt. Wir bewerten deutsche Geschichte kritisch, wenn wir im Laufe der Saison mit Detlev Glanerts zeitgenössischer Oper JOSEPH SÜSS gewissermaßen auf FAUST antworten und das Desaster des deutschen Antisemitismus in Erinnerung rufen. Denken Sie nur mal daran, dass Goethes Weimar und das Konzentrationslager Buchenwald geographisch gar nicht weit voneinander entfernt sind. Darin liegt eine große – im übrigen auch symbolische – Tragik. Und so scheitert die Weltaneignung Fausts in Goethes genialem Lebenswerk mit einem brutalen Krieg auf ähnlich tragische Weise. Im ergreifenden Schluss wird Faust zwar auf eroberter Erde, aber tief vereinsamt zu Grabe getragen. Von Hoffnung und Scheitern in jeder deutschen Epoche erzählt zudem die Oper DER FREISCHÜTZ, das Tanztheaterstück DER DEUTSCHE TANZPALAST – und vom Überlebenswillen innerhalb der DDR-Diktatur Albert Ostermaiers Stück DAS LEBEN DER ANDEREN nach dem gleichnamigen Film.



Welche Rolle spielt der Humor in einem "deutsch gefärbten" Spielplan?

Eine ganz wichtige! Wenn Carl Zuckmayer etwa in seinem Gesellschaftspanorama DER HAUPTMANN VON KÖPENICK dem kleinen Mann mit "Berliner Schnauze", Frechheit und Charme derart aufs Maul schaut, dass die Kritik an deutschem Untertanengeist einprägsam zur Geltung kommt, dann beweist das, dass sich in Deutschland Humor und das Bewusstsein für substantielle Dinge keineswegs ausschließen.



Die künstlerische Sichtweise auf deutsche Themen ist natürlich immer generationsspezifisch beeinflusst. Zwischen denen, die den Zweiten Weltkrieg noch bewusst miterlebt haben und den "Alt ´68ern" einerseits, sowie der "Generation Golf" und allen, die jetzt aufwachsen, unterscheiden sich die Positionen naturgemäß. Wie werden Sie dieser Erkenntnis in der Spielzeit gerecht?

Eine Begegnung von aus ganz unterschiedlicher Erfahrung agierenden Regisseuren mit unseren Ensembles war mir von Anfang an ein großes Anliegen für diese Saison. Und so werden in der Tat generationsübergreifende Teams arbeiten.



In welcher spielplanprogrammatischen Verbindung stehen die Persönlichkeiten Rainer Werner Fassbinder und Karl Marx?

In Ergänzung zum regulären Repertoire freue ich mich auf zwei Projekte über Rainer Werner Fassbinder und Karl Marx. Der Philosoph und Gesellschaftskritiker Karl Marx erfährt mit seinen Thesen in diesen Tagen, in denen ein ganzes Wirtschaftssystem zu kollabieren droht, weltweit und natürlich auch in Deutschland eine ungeheure Brisanz. Vor diesem Hintergrund ist eine Auseinandersetzung mit seinem Gesamtwerk im Spielplan unerlässlich. "stand.ort.suche" impliziert in diesem Zusammenhang zudem eine Suche nach ungewöhnlichen Spielorten außerhalb des Theaters. Für das Projekt über Marx ist eine Trierer Bank als spannende Location denkbar. Im R.-W.-Fassbinder-Projekt hingegen, das eine konkrete Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte der ´60er Jahre darstellt, könnte man die Figuren mit ihrer unerfüllten Sehnsucht nach einer Kommune, in der es noch ein menschliches Miteinander gibt, provokanterweise in einen Konsumtempel, etwa ein Kaufhaus, einziehen lassen...



Im Studio gilt die "Jetztzeit": Dort stehen in dieser Saison ausschließlich zeitgenössische Stücke deutscher Autorinnen auf dem Programm, die erst kürzlich uraufgeführt worden sind...

Wir begeben uns im Studio mit den Autorinnen Sibylle Berg, Ulrika Syha und Felicia Zeller auf eine Standortsuche im Hinblick auf die heutige soziale Wirklichkeit, die, um Stichworte wie Burn-Out-Syndrom, Arbeitslosigkeit und ökonomischen Konkurrenzdruck zu erwähnen, in mancherlei Hinsicht offensichtlich brutaler und härter denn je ist.



Apropos "stand.ort.suche.": Die Saison 2009/2010 ist bereits die sechste unter Ihrer Intendanz. Sind Sie nach fünf Jahren Theaterarbeit und künstlerischer Annäherung an die Stadt Trier nunmehr hier "angekommen", und wie sieht Ihre ganz persönliche Bilanz nach dieser Zeit aus?

Die vergangenen Jahre in Trier waren für mein Team und mich eine spannende Zeit, in der wir mit dem Ensemble immer weiter gewachsen sind auf einer vom stetigen Diskurs und Dialog gezeichneten Standortsuche. Gewachsen sind wir freilich auch mit dem Publikum bei der künstlerischen Identitätssuche. Mich hat sehr gefreut, dass der Versuch, unsere Arbeit unmittelbarer mit der Stadt zu vernetzen, in vielen Bereichen geglückt ist: Dafür sprechen die in dieser Spielzeit weiter intensivierten Kooperationen mit der Universität, der Fachhochschule, der VHS oder aber auch mit Einrichtungen wie dem Varieté Chat Noir und dem Szeneclub Forum. Insofern denke ich schon, "angekommen" zu sein und die Menschen hier in der Region besser zu kennen, meine aber, dass es wichtig bleibt, sich nun keinesfalls "zu Hause" zu fühlen im Sinne von "sich niederzulassen" und zur "Tagesordnung" überzugehen. Das wäre Stillstand und Lethargie!



Was bedeutet das konkret für die nächste Zeit?

Die Suche, die Erfolg und Scheitern einschließt und uns allen viel Antriebskraft verleiht, geht weiter, ebenso die Neugier. Ich freue mich sehr auf die nächsten Jahre der Trierer Theaterarbeit. Dabei hoffe ich für diese Spielzeit, dass auch das Publikum die entsprechende Lust auf eine künstlerische Expedition durch Deutschland verspürt. Und da wir im Herbst 2009 das 45-jährige Bestehen des Theaterneubaus am Augustinerhof ebenso feiern wie das 90-jährige Jubiläum des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier, darf ich in diesem Sinne noch mal Goethe zitieren: "Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen, und jederman erwartet sich ein Fest".



Das Gespräch wurde im April 2009 aufgezeichnet.


Unterschrift Gerhard Weber
Gerhard Weber | Intendant




stand.ort.bestimmung.
09.10

Welch Unheil muss auch ich erfahren // Wir wollen alle Tage sparen // Und brauchen alle Tage mehr. // Goethe, Faust II

Auch das Theater Trier ist gezwungen, "alle Tage zu sparen" und bräuchte doch auch "alle Tage mehr" Geld: Der deutlich in die Jahre gekommene Theaterbau erfordert immer wieder kostenintensive Ausbesserungen und Reparaturen, um den Spielbetrieb aufrecht erhalten zu können. Und in vielen Bereichen vor und hinter den Kulissen wären dringend zusätzliche Stellen erforderlich. Ich möchte daher an dieser Stelle ausdrücklich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor und hinter den Kulissen für ihren unermüdlichen Einsatz, ohne den vieles nicht möglich wäre, danken. All diesen Schwierigkeiten zum Trotz gelingt es dem Haus dieses Jahr erneut, bei gleichbleibenden Eintrittspreisen einen hochkarätigen Spielplan herauszubringen. Dass wir dabei nicht ausschließlich auf die Zuschauerquote schielen müssen, ist ein Privileg deutschen Kulturlebens, auf das wir stolz sein können und das wir uns erhalten sollten. Theater kostet Geld, aber es ist kein elitärer Luxus für einige wenige, sondern ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor und ein bildungs- und kulturpolitisches Muss. Wo sonst ist Kunst noch so unmittelbar erlebbar ? Deutschland – das ist im (Verwaltungs-)Alltag zunehmend das Land der Formulare, Anträge und Verordnungen, bei denen teilweise Schilda Pate gestanden haben könnte. Aber Deutschland ist auch nach wie vor das Land der "Dichter und Denker", ein landschaftlich schönes Land mit freundlichen, aufgeschlossenen Menschen und einer Kulturvielfalt, um die uns manch einer beneidet. Bleiben wir uns dessen bewusst und pflegen wir dieses Erbe. In diesem Sinne möchten wir all denjenigen, die die Faszination Theater noch nicht für sich entdecken konnten, mit unserem neuen "Schnupper-Abonnement" hierzu Gelegenheit geben. Ich wünsche unserem Publikum eine interessante, abwechslungsreiche und unterhaltsame Saison!

Heidi Schäfer // Verwaltungsdirektorin




Verehrtes Publikum,
liebe Musikfreunde,

stand.orte.musikalisch.
09.10

Ideale.gestalten.
mit deutsch-französischen stand.orten.

Mit der "Deutschland"-Spielzeit 2009/2010 verbindet sich auch ein persönliches Jubiläum: Vor genau 15 Jahren begann ich in der alten preußischen Metropole Potsdam meinen eigenen Weg als Dirigent. Ich habe es immer als besondere Auszeichnung empfunden, im Kulturland Deutschland als Musiker arbeiten zu können – Deutschland ist das Land der vielen Orchester und dem von aller Welt beneideten "Drei-Spartentheater". Nirgendwo anders ist ein so starkes Bewusstsein für Musik und Theater in der Bevölkerung verwurzelt. Das hat mich entscheidend geprägt und letztlich auch nach Trier geführt. Was ich in Deutschland gelernt habe, ist das Bestreben, die Umwelt nach den eigenen Idealen gestalten zu wollen. Das gelang nach meiner Auffassung den Deutschen in der Musik am besten – und das ist auch vielleicht der Grund für die Gültigkeit der Musik, die in Deutschland entstanden ist. Die französische Musik ist dagegen leichter, schwebender, aber mitunter auch flüchtiger… Vor 90 Jahren wurde das Philharmonische Orchester der Stadt Trier gegründet. Das ist schon fast ein Jahrhundert klassischer Musik für Trier. Deshalb setze ich auch in dieser Spielzeit auf die Wurzeln unserer Musik – die Klassiker. Zunächst einmal tut es Musikerinnen und Musikern gut – im Theater und auf dem Konzertpodium – das klassische Maß und die Klarheit der idealen Linie zu suchen und zu spüren. Die vier Jubilare Mendelssohn Bartholdy, Haydn, Chopin und Schumann bilden das Fundament des Konzertspielplans. Dazu kommen naturgemäß die französischen Akzente mit Berlioz, Debussy und Ibert. Weitere Schwerpunkte sind: ein "Finnland"-Konzert mit einem grossen finnischen Chor, die Fortsetzung der Gustav-Mahler-Reihe und eine weitere Begegnung mit Goethes FAUST im Konzertprogramm. Mit der erfolgreich gestarteten Reihe der "Weltmusik-Konzerte" eröffnen wir von Deutschland aus weitere musikalische Horizonte.

Victor Puhl // Generalmusikdirektor




deutschland.denken.
09.10

Das Deutschland, in dem ich aufwuchs, war für mich eine eingesperrte Stadt. Drahtzaun, Wachtürme, Hundegebell. Die Wunde Berlin. Dahinter verbarg sich eine verschlossene, fremde, bedrohliche Welt. Als aber vor meinen Augen – im November 1989 – die Mauer niedergerissen wurde, war mir klar geworden, dass man nicht alles erdulden muss, sondern dass wir es sind, die Veränderungen möglich machen, wenn wir uns nur verändern wollen. So führte mich mein Weg folgerichtig zunächst in die "neuen" Länder und ebenso folgerichtig zum Theater. Wenn ich nun – zwanzig Jahre später – über Deutschland nachdenke, zweifle ich aber, ob wir den Elan der "Wende" nicht besser hätten nutzen können. Unsere Obsessionen, Neurosen, Ängste sind jedenfalls nicht mit Mauer und Todesstreifen einfach verschwunden. Die Frage, wer wir Deutschen eigentlich sind, steht unbeantwortet im Raum. Die Suche nach uns selbst geht weiter.

Mit der Musiktheaterspielzeit 2009/2010 versuchen wir deshalb, hier – am westlichsten Rand unseres Landes – neuralgische Punkte zu treffen, die uns Deutsche angehen: "Typisch" deutsche Bühnenstoffe betrachten wir daher aus der Sicht unseres westlichen Nachbarn Frankreich. Mit DER FREISC HÜTZ / LE FREYSC HÜTZ von Weber und Berlioz sowie FAUST (Margarethe) von Gounod suchen wir einen Standort außerhalb unseres kulturellen Territoriums, um wiederum mehr über uns zu erfahren. Mit der Oper JOSEPH SÜSS von Glanert und der Kurzoper LEDERMANN von Saalern verweisen wir auf dunkle Kapitel deutscher Geschichte; mit Mozarts LE NOZZE DI FIGARO auf die humane Vision einer klassenlosen Gesellschaft am Vorabend der Französischen Revolution. Wie diese "standort.suche.deutschland" auch immer ausgehen mag, eines ist schon jetzt sicher: Diese Theaterspielzeit wird niemanden kalt lassen, der es zulässt, über Deutschland nachzudenken.

Dr. Peter Larsen // Musiktheater- und Konzertdramaturg




sinnliche.erfahrungen.
09.10

"Geboren in Deutschland, die Kinderjahre im Ausland verbracht, studiert in Berlin, der damaligen Hauptstadt der DDR. 1988 die Flucht in ein anderes Deutschland... – Ein Heimatgefühl mag sich bei mir nicht so recht einstellen, dennoch gibt es eine Verbundenheit gegenüber einigen Menschen, welchen ich in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland begegnet bin. Von diesen Menschen gibt es jene – ich kann sie an einer Hand abzählen –, die mir Geborgenheit geben, eine Heimat, unabhängig von der geographischen Lage."

Musik, Tanz, Schauspiel – Theater als Ort der sinnlichen Erfahrung, aber auch als Ort der intellektuellen Auseinandersetzung erlebbar zu machen, ist in dieser Spielzeit erneut das Ziel des "Tanz Theater Trier". Als Gastchoreograph wird sich Lars Scheibner in seiner Inszenierung DER DEUTSCHE TANZPALAST mit unserer Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen. Er zeichnet den Weg individueller Schicksale – von der Weimarer Republik bis in das Jahr 1989. PASS ION erzählt die Geschichte vom Leiden eines "Überzeugungstäters", eines Kämpfers für die Würde des Menschen - verlassen vom Volk, welches aus Scham über die eigene Schwäche nicht den Mut findet, wahre Größe zu zeigen. Diese zweite Produktion beschäftigt sich mit dem Phänomen "Masse" und ihrer unberechenbaren Eigendynamik, ihrer unvorstellbaren Kraft der Zerstörung und ihren revolutionären Möglichkeiten.

Wir freuen uns darauf, zwei Produktionen vorstellen zu dürfen, die inhaltlich und musikalisch in eine Welt führen werden, welche Teil unseres Lebens, unseres Daseins ist, ohne Tristesse, voller Poesie.

Sven Grützmacher // Tanztheaterdirektor und Choreograph




"Wir sind die Typen, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben."



Wenn es denn mal so wäre! Jugend ist angeblich die Zeit der Tollkühnheit, des Ausprobierens, des sich Hinwegsetzens über alle Grenzen. Aber laut Shell-Studie von 2006 testet die heutige Jugend Deutschlands ihre Grenzen nicht unbekümmert aus, so wie es zu meiner Jugendzeit Ende der 1970er und Anfang der 80er Jahre noch der Fall war. Da wurde gegen Atomkraftwerke, für Greenpeace und für den Frieden demonstriert. Ich selbst habe mich für die Emanzipation der Frauen stark gemacht. Heute erscheint Rebellion sinnlos, weil die Erwachsenen sich eher an Jugendtrends orientieren und diese aufnehmen, anstatt sich davon abzugrenzen. "Man sieht eine Generation, die alle Erwartungen der Gesellschaft nach Verantwortung, Leistungsbereitschaft und Familiensinn erfüllt", bilanzieren die Verfasser der Shell-Studie. Die Jugend von heute: angepasste Vertreter ihrer Zeit, die sich eher über ihre eigene berufliche Zukunft Gedanken machen, als sich politisch zu engagieren oder über Menschenrechte, Feminismus und Ökologie zu streiten?

Das Theater Trier versucht, der Jugend und den jungen Erwachsenen Deutschlands auf die Spur zu kommen: Stücke wie DER KICK von Andres Veiel und Gesine Schmidt, PRIVATLEBEN von Ulrike Syha und Projekte über Karl Marx und Rainer Werner Fassbinder beleuchten die Wirklichkeit kritisch und stellen heutige Werte und Prinzipien unserer Gesellschaft in Frage.

Sylvia Martin // Schauspieldramaturgin und Theaterpädagogin


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