News

Vorausblick auf das Festival "Maximierung Mensch 3
Das zeitgenössische Schauspielfestival "Maximierung Mensch" ist erfreulicherweise zur langfristigen Institution am Theater Trier unter der Intendanz von Gerhard Weber avanciert und trägt auch in diesem Jahr positive Früchte. Mit erneuter maßgeblicher Unterstützung des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur in Rheinland-Pfalz findet in 2010 unter dem Motto "Maximierung Mensch 3" eine Präsentation zeitgenössischer Autoren auf verschiedenen Bühnen statt, nachdem in der vergangenen Saison moderne Komponisten im Mittelpunkt standen. Die Vorbereitungen für die Programmzusammenstellung, an denen sich weitere Theater aus Rheinland-Pfalz erstmalig beteiligen, laufen derzeit unter der Leitung von Chefdramaturg Peter Oppermann auf Hochtouren.

Das Theater Trier wird als exklusive Eigenproduktion in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Verlag der Autoren die Uraufführung des Stückes SICH GESELLSCHAFT LEISTEN von Ulf Schmidt in einer alten Industriehalle am Trierer Hafen zeigen. Desweiteren sind Gastspiele weiterer Bühnen geplant, so die Inszenierung des Deutschen Theaters Göttingen von Elfriede Jelineks Stück DIE KONTRAKTE DES KAUFMANNS und des Theaters Heidelberg von Nis Momme Stockmanns Stück DER MANN, DER DIE WELT ASS. Außerdem findet eine "Lange Autorennacht" statt, bei der sich erstmalig mehrere Bühnen aus Rheinland-Pfalz gemeinsam mit aktuellen Ausschnitten aus zeitgenössischen Stücken auf der Hinterbühne des Großen Hauses präsentieren. Mit dabei ist u.a. die Hausautorin des Theaters Koblenz, Sibylle Dudek, mit einer speziell auf das Festival zugeschnittenen szenischen Einrichtung ausgewählter Texte sowie das Pfalztheater Kaiserslautern mit Ausschnitten aus dem Stück COVERGIRL und der mobilen Produktion TRAUMJOBS. Einmal mehr wird das Festival von mehreren Rahmenprogrammen der Universität begleitet, darunter einer Schreibwerkstatt und einem Symposium der Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Franziska Schößler, das sich mit den gezeigten Stücken auseinandersetzt. Die aktuellen Neuinszenierungen des Theaters Trier KASPAR HÄUSER MEER von Felicia Zeller und das Projekt RENDEZVOUS NACH KASSENSCHLUSS in der Volksbank runden das Programm ebenso ab wie diverse Podiumsdiskussionen und Einführungsveranstaltungen.

Inhaltlich verbindet alle Stücke das Dilemma des modernen Menschen, in unserer zunehmend globalisierten Welt einem permanentem Hochleistungsdruck ausgesetzt zu sein, der mittlerweile Auswirkungen bis in die intimsten privaten Bereiche hat. Dieses Thema, das bereits Gegenstand von "Maximierung Mensch 1" war, verschärft sich umso mehr vor dem Hintergrund der Finanzkrise.

Geplant ist zudem, gemeinsam mit mehreren Intendanten und Autoren sowohl über eigene Erfahrungen und Schwerpunkte im Hinblick auf zeitgenössische Dramatik zu diskutieren als auch über Vor- und Nachteile bestehender oder bewusst nicht bestehender Hausautorenschaft. Zugesagt haben bislang die Intendanten Markus Dietze (Theater Koblenz) und Mark Zurmühle (Deutsches Theater Göttingen), die Hausautorin des Koblenzer Theaters Sibylle Dudek, der Autor Ulf Schmidt, dessen Stück SICH GESELLSCHAFT LEISTEN wir uraufführen werden, und seine Verlegerin Annette Reschke. Weitere überregionale Teilnehmer/innen sind eingeladen.

Das genaue Programm wird im Mai 2010 auf dieser Website und in der aktuellen Presse veröffentlicht.

http://www.maximierung-mensch.de

"Willkommen, bienvenue, welcome..."
Das aktuelle Interview zur Inszenierung des Musicals CABARET
Mit Regisseur Peter Zeug und Hauptdarstellerin der Sally Bowles Sabine Brandauer - von Sylvia Martin

Sylvia Martin: Der Film CABARET ist weltbekannt; inwieweit unterscheidet sich das Musical CABARET vom Film?

Peter Zeug: Es unterscheidet sich in sehr vielen Dingen: Die Geschichte ist eigentlich schon eine andere. Sowohl der Film als auch das Musical basieren zwar auf Erzählungen von Christopher Isherwood, aber der Film orientiert sich stärker an dem Stück "Ich bin eine Kamera" von John van Druten, als das Musical. Im Film tritt z.B. eine Jüdin auf und die Figur des Herrn Schultz existiert so nicht. Auch die Anzahl der Songs ist im Film eingeschränkt. Da aber diese Songs sehr bekannt und Welthits sind wie zum Beispiel "Mein Herr" oder "Money, Money", integrieren wir sie in das Musical.

Sabine Brandauer: Mich hat der Film CABARET sehr beeindruckt, die Figuren wirken so übergroß. Das liegt natürlich auch an der phantastischen Darstellung der Liza Minelli. Da ist es für ein Theaterstück schwer, damit zu konkurrieren.

Peter Zeug: Als ich in den 70er Jahren CABARET gespielt habe, nahmen sich alle den Film zum Vorbild. Das war und ist meines Erachtens nach falsch. Richtig ist es, den Film zu vergessen und sich auf das Medium Theater zu konzentrieren. Das Theater hat seine eigene Wirkungskraft. Zwar passiert es Theaterstücken häufiger, dass die Leute ins Theater gehen und hinterher enttäuscht sind, weil das Theaterstück der Filmvorlage nicht gerecht wird, aber zumindest waren sie "im Theater".

Sylvia Martin: Die diesjährige Spielzeit steht unter dem Motto: stand.ort.suche.deutschland. Wie ist das Musical CABARET darunter einzuordnen. Handelt es sich bei CABARET um die Bewältigung deutscher Geschichte?

Peter Zeug: Ich glaube nicht, dass es eine "Bewältigung" ist. Ich hoffe, dass in der Schule etwas mehr gelehrt wird, als das, was das Stück uns zeigt. Ich denke aber, dass CABARET ein in Erinnerung bringen und ein Hinterfragen der historischen Ereignisse bewirken kann, denn das Stück erzählt uns etwas über die menschlichen Schicksale in dieser Zeit in Deutschland und nicht nur darüber, welcher Politiker gerade an der Macht ist.

Sylvia Martin: Ist das Musical zum Beispiel für junge Menschen ein Einstieg in die Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus? Ist es ein politisches Stück?

Peter Zeug: Ja ich denke schon, dass es ein Einstieg in die Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus ist, denn es werden dem Publikum durch die Charaktere unterschiedliche Einstellungen zum Nationalsozialismus näher gebracht. Der Zuschauer kann sich vorstellen und miterleben, was die Figuren bewegt und manche Verhaltensweisen kommen einem bekannt vor.

Sabine Brandauer: Man sieht, wie verschieden die Figuren mit der NS-Zeit umgehen. Es gibt diejenigen, die den Einfluss der Politik auf ihr Leben ignorieren wie zum Beispiel Sally Bowles. Dann sind da diejenigen, die die sich anpassen und ihr Leben einrichten so wie Fräulein Schneider. Und dann ist da jemand wie Herr Schultz, der sagt: "Ich bin Deutscher"
und die Gefahr nicht erkennt, die diese Politik für Juden mit sich bringt. Insgesamt ist zu sagen, dass in CABARET ein Umgang mit Politik zu spüren ist. Ich halte es aber nicht für ein politisches Stück.

Peter Zeug: Es ist auf keinen Fall ein politisches Stück. Es wird dargestellt, wie Politik den Menschen beeinflusst und was sie mit den Menschen macht. Auch wir heute müssen ja mit unserer Politik leben. Entweder wir akzeptieren unsere Regierung und arrangieren uns damit, oder wir machen eines Tages einen großen Aufstand und sagen: "Jetzt ist Schluss...".

Sylvia Martin: Was will Ihre Inszenierung dem Zuschauer heute vermitteln und welche Wirkung wollen Sie erzielen?

Peter Zeug: Bewusstsein. Bewusstsein für Situationen und Menschen zu wecken ist ein Ziel, ein Gespür zu entwickeln so wie für einen Menschen wie Ernst Ludwig, der am Anfang des Stückes sehr freundlich wirkt und plötzlich sein wahres Gesicht zeigt. Man sollte sich vielleicht einmal selbst fragen, wie man handeln würde, wenn man zu so einem Zeitpunkt vor einer solchen Entscheidung stünde. So wie Cliff sagt: "Wenn du nicht dagegen bist, bist du dafür." Das ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Sätze im ganzen Stück. Wenn man immer nur den Mund hält, muss man sich nicht wundern, wenn es schief geht.

Sylvia Martin: Welche Funktion hat die Rolle des Clifford für die Zuschauer. Er beschreibt doch die Handlung des Stückes als Außenstehender, wie eine "Kamera".

Peter Zeug: Das erlaubt ihm eine andere Sicht auf die Dinge. Er ist in die Politik nicht involviert. Er ist Ausländer, er ist nicht in Deutschland etabliert. Er kann gehen, wann immer es ihm passt und wahrt dadurch eine gewisse Distanz.

Sylvia Martin: Das Theaterstück operiert mit drei unterschiedlichen Ebenen. Da ist einmal die Beziehung zwischen Cliff und Sally, dann die Geschichte mit der Verlobung zwischen Fräulein Schneider und Herrn Schultz. Zuletzt dann die Ebene des Kit Kat Clubs. Legen Sie bei Ihrer Inszenierung einen besonderen Schwerpunkt auf eine Ebene?

Peter Zeug: Nein, aber die schwierigste Rolle ist für mich der Conférencier. Auf der einen Seite verkörpert der
Darsteller Peter Koppelmann die Figur des schmierigen, neurotischen Conférenciers im Kit-Kat-Club und auf der anderen Seite ist er ein Mittler und ein Conferencier für das Publikum. Er gibt er immer wieder Hinweise auf das aktuelle Geschehen, kommentiert es und nimmt das Publikum mit in seine Welt, in das Cabaret, um am Ende den Zuschauer direkt anzusprechen und zu fragen: "Na? Wo sind eure Sorgen jetzt?".

Sylvia Martin: Gibt es eine Identifikationsfigur für den Zuschauer?

Peter Zeug: Ich denke, es gibt nicht jemand spezielles, mit dem sich das Publikum identifiziert. Alle Figuren haben ihre "Macken", Fehler, Schwächen, aber jede Figur hat auch Identifikationsmomente.

Sabine Brandauer: CABARET ist nicht so ein Stück, in dem man sich nur mit einer Figur identifiziert. Mit Sally Bowles fiebert man erst mit, bis man merkt, dass sie eigentlich eine sehr ignorante Person ist. Sie ist ein Wirbelwind, der alle mit sich reißen kann. Sie "frisst" quasi das Leben.

Sylvia Martin: Ist die Rolle der Sally Bowles eine schwierige?

Sabine Brandauer: Ja. Zwar bin ich im Moment nicht in der Verzweiflungsphase". In der war ich schon und die kommt auch bestimmt wieder. Ich hatte es mir einfacher vorgestellt. Ich dachte, nach der Rolle der Véronique in DER GOTT DES GEMETZELS käme jetzt mit Sally Bowles eine Rolle, in der ich nicht nur reden, sondern auch singen und tanzen muss und dass es das etwas leichter macht. Dem war aber nicht so. Im Moment habe ich das Gefühl, ich habe gerade mal einen Rockzipfel der Figur erreicht.

Peter Zeug: Hast du auf jeden Fall!

Sylvia Martin: Wie sieht die die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Hauptdarstellerin aus?

Peter Zeug: Ich bin ja immer gnadenlos und überfordere die Darsteller etwas. Aber Gott sei Dank ist Sabine unkompliziert und macht alles ganz toll.

Sabine Brandauer: Dass Peter kam, war auch das Beste, was uns passieren konnte. Ich mochte schon seine Inszenierung ANATEVKA und arbeite gern mit ihm zusammen. Auch die Zusammenarbeit mit meinem Schauspielpartner Helge Gutbrod, der den Part des Cliff übernommen hat, funktioniert wunderbar. Helge strahlt so eine uneitle Ruhe aus, das kommt auch meinem Spiel zugute.

Sylvia Martin: Danke für das Gespräch. Die Fragen stellte Sylvia Martin, die Schauspieldramaturgin am Theater Trier ist.


Theater Trier twittert
Alle NEWS jetzt auf der Startseite von www.theater-trier.de im Twitter-Feld.



Aktuelle Fotos, Videos und Information über das Theater Trier bei facebook.



Folgen Sie uns auf Twitter.



Aktuelle Videos über das Theater Trier auf YOUTUBE.


© 2009/2010 Theater Trier